Absturz nach oben

Absturz nach oben

Buchcover_Absturz_nach_oben Eine mitreißend – romantische Geschichte über die Liebe und das Leben, über Karriere und Kampf eines jungen Mädchens, die Erfolgsgeschichte eines Unternehmens und - ein witziger Einblick in die Welt des Strukturvertriebs. 1986 - Vanessa ist 23 Jahre jung, Lehramtsstudentin, kommt aus ärmlichen Verhältnissen und führt ein biederes Leben auf dem Land. Die Zeit läuft noch ein bisschen langsamer, Stufenschnitte und Rauchen sind noch überall erlaubt, GPS und Handys gehören der Science-Fiction-Szene an und Finanzvertriebe schießen wie Pilze aus dem Boden. Um sich ein bisschen Geld für ihr Studium zu verdienen schlittert Vanessa mit beeindruckender Naivität in einen solchen hinein und entwickelt den brennenden Wunsch aus ihrem Milieu auszubrechen, reich zu werden - es ganz nach oben zu schaffen und das in einer absoluten Männerdomäne. Nach oben will auch der Chef des Unternehmens, Oliver Dietmann, der von dem Gedanken beseelt ist, aus dem kleinen, unbekannten Unternehmen etwas Großes zu machen. Vanessas Freund allerdings sieht das mit gemischten Gefühlen... Vanessa ist schüchtern und scheu und ihr Selbstbewusstsein nicht das größte. Er glaubt nicht, dass es das Richtige für sie ist, denn die Herausforderungen im Vertrieb sind knallhart, die Branche verschrien ... und tatsächlich... Vanessa stolpert über einen Stein nach dem anderen...
Buchcover_Absturz_nach_oben Leseprobe 1
„Das Leben ist ungerecht“, dachte sie, während sie mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit die heiße, zischende Maschine bediente und Teile zusammenfügte. Noch drei Stunden. Immer wieder schaute sie auf die Uhr. Die Zeit raste dahin und verging doch nicht. Ein Kabel, ein Draht, Schraube dazwischen legen, schweißen. Ein Kabel, ein Draht, Schraube dazwischen legen, schweißen, ein Kabel... ihre Finger flogen über die Teile, der Nacken schmerzte, die Maschine stampfte. Drei Teile in einer Minute, das Tempo acht Stunden durchhalten = maximaler Akkord von 130 % = bares Geld... und das brauchte sie dringend. Längst hatte sie sich ausgerechnet, dass ein Absturz auf nur 120 Prozent fünfzig Pfennig weniger in der Stunde, hochgerechnet 80 bis 100 Deutsche Mark im Monat, bedeutete. Das entsprach zwei Tankfüllungen, drei neuen Büchern fürs Studium oder der Anzahlung für den Prüfungs-Skikurs, der ihr noch bevorstand. Blitzschnell bewegten sich ihre Finger in effizienter Monotonie, sie blickte nie auf, dafür war keine Zeit. Hundertster Kontrollblick auf die Uhr: 11.55. Sie lag im Limit, Gott sei Dank, aber trotzdem: noch drei Stunden, drei elend lange Stunden auf diesem ausgeleierten Stuhl, mit Kreuzschmerzen, dem Druck im Genick, umwoben vom allgegenwärtigen, penetranten Geruch nach verbranntem, heißem Kunststoff. Sie teilte sich die Zeit auf in Viertelstunden und rechnete sich aus, wie viele Teile sie in fünfzehn Minuten, in sieben, in einer schaffen musste. Ein altes Spiel, das sie von Viertelstunde zu Viertelstunde brachte und irgendwann zur Stechuhr. Und dann war sie endlich frei. Bis zum nächsten Tag um 5.30 Uhr. Für den immer gleichen Ablauf.

Leseprobe 2 Das war ihr Leben – eine Kombination von in Routine ersäuftem Dasein und nervenzersetzenden Events. Dazwischen gab es wenig. Vanessa war Vollwaise, ihre Eltern bei einem Autounfall gestorben, als sie zweieinhalb gewesen war. Die Schwester ihrer Mutter, Dorothee, und ihr Mann Dietmar hatten damals noch keine eigenen Kinder gehabt und sie adoptiert. Aber obwohl sich Vanessa nicht mehr an die Zeit mit ihren Eltern erinnern konnte, hatte sie es nie fertiggebracht, zu ihnen Mama und Papa zu sagen. Sie waren immer Doro und Dietmar. Und ihr Onkel war es, der in ihrem Leben für zweifelhafte Abwechslung sorgte, der nachts das Haus zusammenschrie, ihre Tante drangsalierte, der auf der faulen Haut lag und seine Passion zum Alkoholiker kultivierte, während er zeitgleich die Fertigkeit entwickelte, die gesamte Familie ständig unter Strom zu halten. Seine Unberechenbarkeit war schon wieder berechenbar und mündete in die Sicherheit zu wissen, dass es immer Ärger gab, wenn man heimkam. Ungewiss waren nur Art und Folgen seiner Ausbrüche. Vanessa sehnte sich nach ihren leiblichen Eltern, ohne sie je wirklich gekannt zu haben. Schwarz-weiß-Aufnahmen in einfachen Holzrahmen zeigten ihr ein warmherziges, glücklich blickendes Elternpaar, das sie auf ihren Knien schaukelte und sie so verliebt ansah, dass es ihr regelmäßig die Kehle zuschnürte, zeigten ihr, dass sie einmal glücklich gewesen sein musste. Der Blick ihrer Eltern weckte tiefe Sehnsucht nach der Vergangenheit, nach Dingen, die unwiderruflich vorbei waren, weckte Ohnmacht über das Unvermögen, den Lauf der Geschichte beeinflussen zu können, gefangen zu sein in einer unerwünschten Situation und ständiges, ergebnisloses Grübeln über der großen Frage, warum dies alles hatte passieren müssen. Warum sie hier bei Doro und Dietmar leben musste. Warum ihre Tante es zuließ, zwei weitere Kinder von diesem Mann zu bekommen, obwohl er doch so gewalttätig war. Eine Tochter, einen Sohn. Die Geburt der eigenen Kinder stempelte Vanessa obendrein zur Außenseiterin - Dietmar ließ sie spüren, dass sie nicht sein leibliches Kind und ein Klotz am Bein war – ein zusätzlicher Esser, ein Kostenverursacher in Zeiten, in denen jede Ausgabe ein größeres Dilemma verursachte. Doch selbst seine eigenen Kinder liebte er nicht. Er schien beseelt von einer unkontrollierbaren Wut auf das Leben und er brauchte seine Familie sehr – als dringend benötigtes Druckablass-Ventil. Flüsternd erzählte Tante Dorothee, als Vanessa älter wurde und immer mehr unter den Attitüden ihres Zwangsvaters litt, welch toller Mann er gewesen sei, als sie ihn kennengelernt hatte. Dietmar hatte als Großhandelskaufmann in einer Firma gearbeitet und nach Höherem gestrebt. Ein schmucker Mann, der hoch hinauswollte. Es hatte ihr imponiert, wie er von seiner Zukunft gesprochen, wie er davon geschwärmt hatte, dieses und jenes zu erreichen. Ihr hatte es gefallen, seinen Visionen, hochfliegend und vielversprechend, zuzuhören, in seine leuchtenden Augen zu sehen, wenn er von seiner geplanten Karriere sprach. Dorothee hatte ihm jedes Wort abgenommen. Und ihn geheiratet. Sie mochte seinen Enthusiasmus, liebte es, mit ihm zusammen zu träumen und war guter Dinge, als er seinen Job hinschmiss, obwohl sie gerade den Kreditvertrag für ein Haus unterschrieben und Vanessa bei sich aufgenommen hatten. Trotz Hausbau hatte Dietmar es sich in den Kopf gesetzt, zu studieren und so holte sich Doro von ihren Eltern vorzeitig ihr kleines Erbteil und bestritt damit die ersten Kosten für den Hausbau und Dietmars Studium. Zu keiner Sekunde zweifelte sie an ihm. Nicht, als er das erste Mal durch die Prüfung fiel und auch nicht, als er sie das zweite Mal nicht bestand. Erst, als sie herausfand, dass er sowieso nur einmal hätte wiederholen dürfen – ein Kommilitone, der ihr sein Bedauern über diese unglückliche Wendung auf der Straße bekundete – wurde sie bleich. Da allerdings war es bereits viel zu spät. Sie war schwanger mit ihrem zweiten Kind, das Haus stand im Rohbau und die Raten fraßen ihren gesamten Lohn. Statt des erwarteten zweiten Gehaltes, das die Kosten hätte auffangen sollen, war Dietmar arbeitslos und zweimal durch ein Examen gefallen, das 80% seiner Kommilitonen geschafft hatten. Er bewarb sich dennoch bei mindestens 60 Stellen, die ihn alle ablehnten. Sein Selbstbewusstsein und seine Selbstachtung befanden im Sturzflug. Und je mehr ihn das Leben abzulehnen schien, umso mehr lehnte er dieses Leben ab. Je mehr Absagen er erhielt, desto verzweifelter suchte er die Schuld im Außen. Doch die Realität hielt ihm ein desaströses, wenig schmeichelhaftes Spiegelbild vor: Er hatte für sein Studium nicht genügend getan, hatte der Freiheit des Studenten gefrönt, sich erhaben gefühlt aufgrund der Tatsache, Mitglied einer Hochschule zu sein – war schlicht leichtsinnig und überheblich gewesen. Er lebte in einem nicht fertig gestellten Haus, von dem weder Keller noch Außenfront verputzt waren, in dem in manchen Zimmern noch nicht einmal ein Bodenbelag, sondern blanker Estrich lag, deren Einrichtung teilweise heimlich vom Sperrmüll geholt worden war – und deren Kreditraten seine kleine, tapfere Dorothee stemmte. Eines Morgen sah er in den Spiegel und ihm wurde mit vollem Bewusstsein klar: „Du bist der totale Versager.“ Er griff zur Flasche und ließ sie nicht mehr los. Und alles nahm seinen Lauf.
Buchcover_Absturz_nach_oben Rezension 1
Das Buch ist wunderbar und flüssig zu lesen. Der Prolog deutet die Tiefe an, die es bekommt, wenn man genau zu lesen vermag: Die Ambivalenz unserer Gefühle, die Dichotomie unserer Gedanken, das Verhaftetsein in Mustern führt unsere Wege oft weg von uns selbst in die Kompensation. Und doch sind diese Wege, richtig genutzt, Möglichkeiten, nach innen zu gehen. Spielerisch und menschlich verbindet das Buch die Herausforderungen des Lebens mit deren Sinnhaftigkeit. Ein Roman mit Lehrcharakter. Ein Lehrbuch mit Romancharakter - Die Autorin zeigt, wie viele Antworten im täglichen Leben liegen. Durch Überwinden der Angst, durch Loslassen und die ständige Bereitschaft, zu lernen. Es ist schön zu lesen, dass die Suche nach sich selbst, nicht ohne diese Herausforderungen geht. Oder besser ausgedrückt: dass diese Herausforderungen dazu da sind, uns zu uns selbst zu führen. Bin sehr gespannt auf Band zwei.

Rezension 2
Als ich hörte, dass es ein Buch über den Aufstieg eines Finanzvertrieblers gäbe, drehte ich die Augen zur Decke. Als ich dann mitbekam, dass sich das Geschehen in den 80ern abspielt, als Strukturvertriebe Hochkonjunktur hatten, war ich erst recht abgeneigt. Das Buch lag auf dem Tisch meiner Freundin und als sie, statt sich um mich zu kümmern, lieber das Buch las und immer wieder sagte: „Nur noch eine Seite…!“ wurde es mir zu bunt und ich riss es ihr aus der Hand… um es ihr vorerst nicht wieder zu geben, denn nun war ich es, der immer rief: „nur noch eine Seite…!“ Die Geschichte hat mich gepackt, gerade weil sie ein so einfaches Schicksal darstellt. Keine Superheldin, Emotion pur und die ganze Bandbreite der Gefühle, die man im Vertrieb, beim Verkauf, im Umgang mit Kunden so hat. Was mich aber meisten fasziniert hat, war diese Einfachheit, mit der die Grundsätze des Erfolges umgesetzt wurden. Und doch ist dies für die meisten gerade die größte Schwierigkeit: Dinge einfach zu tun, ohne sie groß in Frage zu stellen. Eine wirklich ungewöhnliche Mischung aus Unterhaltung und Erfolgsstrategien!

Rezension 3
Von einem Freund bin ich zu einer Lesung eingeladen worden, die mich an sich wenig interessiert hat. Lesungen sind nicht mein Ding - und das sage ich, weil ich schon etliche mitgemacht habe. Diese hier hat mich völlig überrascht. Sie war völlig anders gestaltet, als man das von üblichen Lesungen her kennt und ein gekonnter Mix aus Rhetorik, Schauspiel und dem Lesen selbst. Frau Giuletti hat mich, einen bekennenden Short-Book-Leser, so neugierig gemacht, dass ich das Buch trotz der 600 Seiten mit nach Hause nahm und sofort anfing zu lesen. Ich konnte auch nicht mehr aufhören. Der Grund, warum mich mein Freund mit in die Lesung genommen hatte, war das Thema des Buches: Finanzvertrieb, da er weiß, dass ich auch im Vertrieb tätig bin, wenn auch in einer anderen Branche. Ich kann gar nicht sagen, was ich alles empfand, als ich dieses Buch las! Freude darüber, wie genau die Gefühle eines Außendienstlers wiedergegeben werden... ich dachte oft: "Ja, genauso fühlt man sich, genauso war es bei mir auch..." und es tut so gut, wenn man diese Dinge mal niedergeschrieben sieht - mit Verständnis und mit Würdigung dieses Berufes! Allein dafür schon ein dickes Danke! Frau Giuletti beschreibt hier ihr erstes Jahr, in dem sie klein anfängt. Auch das empfand ich als wohltuend. Wenn man heute die großen Vertriebler so hört, meint man, sie haben diese Phasen nie gehabt - aber wir sind sie alle durchlaufen, was Giuletti auch schonungslos darstellt und - ein genialer Satz - "hatten das Selbstbewusstsein, ganz unten anzufangen". Daneben ist da noch die private Story, die das Ganze untermauert und in die Tiefe führt und das Buch für jeden lesbar macht, auch für die, von Vertrieb noch nichts gehört haben. Es sind so viele einfache Vertriebsgrundsätze spiererisch ins Geschehen eingeflochten - wirklich Hut ab! Es soll ja noch einen zweiten Band geben, auf den ich dringend warte!